Die klassische Szene kennt jeder Gründer: Ein Konferenzraum, eine Präsentation, ein nervöses Team und auf der anderen Seite Investoren, die sich über ein Term Sheet beugen. Wochenlange Vorbereitung kulminiert in einer Entscheidung, die über Wachstum oder Stillstand bestimmt.
Knapp zehn Jahre später wirkt dieses Bild fast altmodisch. 2017 reichte in vielen Fällen ein Whitepaper, ein Smart Contract und ein Hype in Telegram-Gruppen und innerhalb von Tagen flossen Millionenbeträge in die Wallets der Gründer. Kapital in Rekordzeit, ohne Due Diligence, ohne Board-Sitze, ohne klassische Verträge. Für die einen die Demokratisierung von Finanzierung, für andere ein gefährlicher Spielplatz.
Startup-Finanzierung folgte lange festen Ritualen. Business Angels gaben das erste Geld und öffneten Türen, Venture-Capital-Fonds folgten mit größeren Summen. Jede Runde – Series A, B, C – war mit intensiven Prüfungen, langen Verhandlungen und neuen Kontrollrechten verbunden.
Dieses Modell war stabil, langsam, aber planbar.
2016 bis 2018 änderte sich alles. Initial Coin Offerings (ICOs) brachen die Regeln auf. Projekte sammelten Milliarden, oft ohne mehr als ein Versprechen. Ethereum hatte es vorgemacht: 2014 flossen 18 Millionen Dollar in das Projekt – der Startschuss für die heute zweitgrößte Blockchain der Welt.
Doch die Euphorie kippte schnell. 2017 war das Boomjahr, 2018 der Crash: Betrugsfälle, Schneeballsysteme wie BitConnect, Regulierer im Alarmmodus. Aus grenzenloser Hoffnung wurde eine Vertrauenskrise.
Warum setzten so viele Gründer auf Token-Verkäufe? Weil sie Vorteile boten, die das alte System nicht kannte:
Ein erfolgreicher Token-Sale war damit Kapitalbeschaffung und Marketing zugleich. Allerdings war die Kehrseite brutal. Viele Gründer erhielten Summen in zweistelliger Millionenhöhe, lange bevor ein Produkt existierte. Investoren erwarteten schnelle Kursgewinne. Die Stimmung kippte bei fallenden Preisen sofort ins Negative.
Rug Pulls, Betrugsfälle und regulatorische Eingriffe zerstörten Vertrauen. Und der Markt lernte: Ein Token-Preis ist selten ein realistisches Abbild von Unternehmenswert.
Die Gegensätze sind offensichtlich:
Doch längst verwischen die Grenzen. Immer mehr VCs investieren parallel in Tokens. Startups kombinieren Equity-Runden mit Token-Sales – ein hybrides Modell, das Flexibilität schafft, aber auch Komplexität.
Mit dem Ende der ICO-Welle begann die Suche nach neuen, stabileren Strukturen. Europa reagierte mit MiCA, die USA ringen um klare Definitionen zwischen Utility- und Security-Tokens, und Standorte wie Singapur oder die Schweiz positionieren sich als regulierte Krypto-Hubs.
Die Zukunft dürfte nicht in einem Entweder-oder liegen, sondern in Mischformen: Tokenisierung von klassischen Assets – Aktien, Immobilien, Anleihen – macht die Grenzen unschärfer. DAOs experimentieren mit radikal neuen Governance-Formen. Und traditionelle VCs entdecken Tokens als Ergänzung, nicht als Konkurrenz.
Token-Modelle haben die Startup-Finanzierung aufgebrochen. Sie haben Tempo und Reichweite gebracht, aber auch Instabilität und Betrug. Venture Capital liefert Struktur, Token-Finanzierung Energie. Die spannendste Perspektive liegt dazwischen: Hybridmodelle, die das Beste beider Welten kombinieren.
In der nächsten Folge von Block für Block richten wir den Blick auf Unternehmen: Wie nutzen Konzerne Blockchain jenseits von Geld und Finanzierung – und warum verschwinden so viele Projekte leise wieder?
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